Auf nach Norwegen

Sicherlich wisst ihr, dass wir Bienen ein fleißiges Völkchen sind. Und die fleißigsten Bienen bekommen einmal im Jahr eine Auszeichnung die natürlich sehr begehrt ist. Die fleißigsten dürfen eine Weltreise machen, um einmal in ihrem Leben das eigene Honiggebiet verlassen zu dürfen und andere Bienenvölker kennen zu lernen. Ich hatte mich das ganze Jahr ins Zeug gelegt, hatte mir jedoch keine Chancen auf einen Preis ausgerechnet, da eigentlich alle Bienen fleißig sind. Doch die Wahl fiel auf mich und so war die Freude in meinem Bienenstock natürlich riesig groß. Alle wollten mir wichtige Tipps mit auf meine Reise geben und natürlich hatten alle auch eine Gabe für mich, die mir bei meiner Reise behilflich sein sollte.
Doch die meisten Dinge nahm ich nicht an, denn ihr könnt Euch sicherlich gut vorstellen, dass es kaum möglich ist, Geschenke von einem ganzen Stock, der so um die 1000 Bienen umfasst, auf eine Reise mitzunehmen. Wir feierten die ganze Nacht und ich träumte schon von Abenteuern abseits der Lindenblüten, die unsere Haupthonigquellen sind.
Meine Reiseroute hatte ich schon frühzeitig festgelegt. Ich wollte über Dänemark mit der Fähre nach Norwegen rüber um dort in Stavanger meinen Cousin Arne zu besuchen. Danach sollte es über Schweden und Finnland nach Russland gehen. Auf Russland war ich sehr gespannt, doch noch mehr interessierten mich Länder wie China, Thailand oder dann weiter auf der Südhalbkugel Australien und Neuseeland. Von da aus sollte es rüber nach Afrika gehen, doch ich hatte nicht damit gerechnet, viele weitere Länder sehen zu können, um dann endlich über Amerika wieder nach Europa zurückkehren zu können.
Ich verabschiedete mich schon relativ früh von der Party und sah lieber nochmals meine Sachen durch. Vor allem meinen Bienenkompass, meinen Bienenpass und meine Honigbonbons durften nicht fehlen. Natürlich kamen dazu noch ein paar Sachen zum Ankleiden und meine Schminksachen. Peter, mein kleiner Bruder sagte dann immer „Weiber“ und konnte sich ein verschmitztes Lächeln nicht verklemmen. Aber ich wußte genau, er freute sich mindestens genauso sehr wie ich über die Auszeichnung. Er war es auch, der mich darum bat, aus jedem Land mindestens eine Karte zu schreiben, weil er so ein wenig die Welt kennenlernen könne, die er wohl nie sehen werden kann. Natürlich versprach ich ihm dass in meiner Wabe und dann schlief ich langsam ein.
Der kommende Morgen ging früh los. Peter erschien schon vor den ersten Sonnenstrahlen und weckte mich um 4 Uhr. Ich fragte ihn, ob er nicht andere ärgern könne, doch er überhörte das scheinbar und ich flog noch etwas müde in unser Bienenstock-Bad. Ihr müsst Euch das so vorstellen, dass hier circa 500 Spiegel von kleinen Waben hingen, die mit Wasser gefüllt werden konnten. Das Bienenwasser war etwas Besonderes, denn es hatte immer einen leichten Honiggeschmack und gab uns gleich unseren Bienen typischen Geruch.
Die Erfrischung tat mir gut und als ich in meine Wabe flog bemerkte ich sofort, dass der gesamte Bienenstock scheinbar schon auf den Beinen war. In der Wabe machte ich mich für den ersten Teil meiner Reise fertig. Ich zog mir meine enganliegende, gestreifte Bluse an und prüfte nochmals, ob mein Bienenkorb auch alles enthielt, was ich für meine Reise brauchte.
Dann war es soweit. Ich atmete nochmals tief den Duft meiner Wabe ein und ging langsam zum Hauptsaal. Auf dem ganzen Weg schüttelte ich schon zahlreiche Hände, da sich scheinbar der gesamte Bienenstock von mir verabschieden wollte. Im Hauptsaal war der Thron von Stella aufgebaut und sie saß darauf mit einem breiten, stolzen Grinsen. Hans, der Chef unserer Soldaten griff zum Megafon und schrie „Ruhe“.
Keiner konnte sich dem Befehl wiedersetzen und so war es von einem Moment zum anderen ruhig. Du hättest den Flügel jeder anderen Biene hören können, so leise war es sofort.
Stella räusperte sich und sagte:“Liebe Stine. Du hast unser Volk und mich sehr stolz gemacht, als Du dieses Jahr die Auszeichnung Fleißigste Biene, nach vielen Jahren wieder in unseren Stock hast holen können. Ich möchte nicht lange Reden halten, denn Du weist ja sicherlich selbst, dass unser Tag lang ist. Doch Du hast allen anderen in unserem Bienenstock Mut gemacht und sie werden Dir jetzt nacheifern, denn du hast sie mit deinem Fleiß und der damit verbundenen Auszeichnung angesteckt.
Wir wissen, dass Du nun das Abenteuer Deines Lebens vor dir hast und wir möchten Dich natürlich gebührend verabschieden. Wie Du sicherlich weist, haben wir auf der ganzen Welt Freunde und wenn Du in Schwierigkeiten bist, so kontaktiere diese über den Sonnenfunk. Wir wünschen uns nur von dir, dass du uns von deiner Reise berichtest, damit wir auch daran teilhaben können.“
Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, war mir der Auflauf ziemlich peinlich und ich lief bestimmt auch rot an. Ich ging zu Stella und küßte ihre Hand. Sie erhob sich und drückte mir einen dicken Schmatzer auf jede Wange und sagte nur „Viel Glück.“. Mir war mulmig doch ich nahm all meinen Mut zusammen und ging aufrecht zum Ausgang unseres Bienenstocks. Dort wartete Peter schon auf mich. Er verabschiedete sich nochmals von mir uns ich flog los in Richtung Norden.
Mein erstes Ziel sollte Hirtshals sein. Von hier wollte ich mit einer Menschenfähre, einem riesigen Ungetüm aus Stahl nach Norwegen gelangen, denn der Flug über das Meer war einfach zu weit und gefährlich, da man nie wußte, wie die Winde sind. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen, zumal ich in Hirtshals sowieso zum Zoll musste, um mir meinen ersten Stempel für meinen Bienenpass zu sichern.

Nachdem ich einige Stunden über wunderschöne Felder und durch schöne Wälder geflogen bin, erreichte ich Norddeutschland. Das merkte ich sofort, denn hier änderte sich die Luft plötzlich. Neben den vielen Blüten- Pflanzen- und Tiergerüchen mischte sich nun der Duft des Meeres hinzu und ich fühlte mich unheimlich frei.
Dänemark selber bestand hauptsächlich aus Wiesen und kleineren Wäldern, war also nicht wirklich aufregend, doch irgendwie schön, denn die Häuser der Menschen hatten bereits einen anderen Baustil. Den steinernen Vierecken folgten in Dänemark immer mehr Vierecke aus Holz. Wir Bienen mögen Vierecke nicht so sehr. Irgendwie wirken sie unvollkommen. Sechsecke wie unsere Waben sind doch viel kuscheliger.
Mir begegneten unterwegs auch einige Bienen und andere Insekten und alle hatten einen merkwürdigen Akzent. Ihr müsst wissen, die Insekten sprechen eigentlich alle die gleiche Sprache, da wir es unsinnig finden, dass sich noch einige Leute des Volkes mit dem Übersetzen beschäftigen müssen.
Aber natürlich gab es Akzente. Manche waren niedlich, andere wieder grob und derb. Die dänischen Insekten sprachen etwas gezogen aber doch eigentlich wie wir.

Wikingerkäfer Ole

Bald schon waren die Flugbahnen stärker beflogen. Ich merkte das es in Richtung Fähre ging. Auf einmal kam ein dicker Käfer vorbeigeflogen, der es sehr eilig hatte. Er trug einen merkwürdigen Helm mit Hörnern und rempelte durch den starken Flugverkehr. Er schrie dabei immer „Platz da!“.
Mir kam der Geselle lustig vor, weshalb ich mein Tempo auch erhöhte und mich im Flug neben ihn setze.
„Guten Morgen, lustiger Käfer, warum so eilig?“
„Wer bist Du denn? Ich dachte Bienen sind immer recht schlau. Scheinbar weist Du nicht, dass es eine neue Schnellfähre gibt, die uns viel schneller nach Norge bringt?“
„Nein, und deshalb beeilst Du Dich so?“
„Ja klar, denn Ole will endlich mal mit einem Katamaran über das Wasser rauschen!“
„Katamaran, was ist das?“
„Ein wahnsinnig cooles Schiff, was eigentlich über das Wasser fliegt, also so wie wir. Da geht es mir viel besser als bei den ollen, schwankenden Pötten, die so lahm durch das Wasser rutschen.“
„Das muss ich sehen.“ sagte ich und so versuchte ich an dem dicken Kerl dran zu bleiben.
Nach knapp einer halben Stunde erreichten wir die Grenze und ich war überrascht, wie viele Tiere in Richtung Norwegen unterwegs waren. Da waren viele Käfer, Bienen aber vor allem Grashüpfer.

Wir reihten uns in eine der vielen Schlangen ein und vor uns sah ich ein riesiges Monstrum aus Stahl, viele fahrende Blechkisten, die von den Menschen Auto genannt werden und einige große Blechkisten, die Dinge wie Holz oder auch riesige Kisten durch die Gegend fuhren.
Dank der emsigen Ameisen, die den Zoll unterhielten ging es jedoch sehr schnell vorwärts. Der dicke Käfer war vor mir dran und wurde schnell durchgewunken, da er kein Gepäck mitführte. Nun war ich an der Reihe und ein Zollbeamter, dem ein Fühler fehlte, wollte meinen Bienenpass sehen. Ich gab ihm den bereitwillig und freute mich, dass ich nun meinen ersten Stempel bekommen würde. Er sah mich grinsend an und ich zwinkerte zurück. Die Ameise machte kurz ein Zeichen.
„Och nee.“ hörte ich bloß den dicken Käfer und ich wunderte mich warum er so stöhnte, denn es lief doch alles super. Ich wollte gerade zu ihm rüber als sich vor mir zwei Soldaten der Ameisen aufbauten und nach meinem Gepäck fragten. Ich gab es ihnen bereitwillig.
Plötzlich sagte einer der Soldaten: „Was ist das hier?“ und winkte mit meinen Honigbonbons. Ich sagte ihm, dass dies mein Reiseproviant wäre. Der andere Soldat zeigte nur auf ein Blatt und ich dachte ich traue meinen Augen nicht. Darauf stand, dass die Einfuhr von Lebensmitteln wegen der Übertragung von Krankheiten nach Norwegen streng verboten ist. Weiterhin stand dort, dass die Einfuhr bestraft wird und man nicht einreisen darf.
Mich durchfuhr ein Schreck. Ich dachte, dass ich mich so toll auf die Reise vorbereitet habe und nun sollte sie schon an der ersten Grenze beendet sein?

„Was ist denn hier los?“ hörte ich die Stimme des dicken Käfers.
„Die Dame führt Lebensmittel mit sich, Herr Hanson.“ sagte einer der Soldaten eifrig.
„Das sind die Honigbonbons für Minister Olofson. Ich denke nicht das er erfreut ist, wenn die geliebten Honigbonbons nicht den Weg in seinen Rachen finden.“ sagte der Käfer barsch und nahm mich an meinem dritten Bein. Der Soldat musterte uns kurz und entschuldigte sich dann bei dem Käfer.
Ich atmete tief durch und der Käfer, der mir scheinbar meine Reise doch noch ermöglichte, zog mich hinter sich her. Nachdem wir außer Sichtweite der beiden Soldaten waren, drehte sich der Käfer um und grinste mich schelmig an. Na schöne Frau, ihr Bienen seit ein lustiges Völkchen. Ihr seid so fleißig und auf euer Aussehen bedacht, aber die einfachsten Dinge vermasselt ihr. Ein Danke wäre jetzt angebracht.“
Ich stotterte ein Danke heraus und fragte ihn nach seinem Namen.
„Ich bin Ole Hansson, ein Wikingerkäfer. Mein Vater ist Minister für Flugwesen in Norwegen und ich denke, ich habe Dir gerade den Tag gerettet.“ lachte er.
„Komm schnell, die Fjordcat legt bald ab und ich will wegen des kleinen Aufenthalts am Zoll nicht doch noch mit dem alten Pott da drüber fahren.“
Wir reihten uns in eine kleinere Schlange ein und gingen an Bord des riesigen Ungetüms. Die Autos der Menschen fuhren oberhalb unserer Schiene ebenfalls an Bord, was einen ziemlichen Krach machte.

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One Response to Auf nach Norwegen

  1. [...] Auf nach Norwegen In diesem Kapitel gehe ich kurz auf die Reisevorbereitungen und den Flug durch Dänemark ein. Der Zoll an der Fähre macht Stine dabei die ersten Probleme und sie lernt Ole kennen, einen hilfreichen Wikingerkäfer. [...]

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